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In beiden Fällen geht es nicht einfach um eine Darstellung der Kreuzigung Christi, nicht um eine Illustration der im Neuen Testament geschilderten Vorgänge am Karfreitag. In der Ikonographie der späten Gotik gilt diese Darstellung als sakramentales „Fronbild“, also als erinnernde Vergegenwärtigung des sühnenden Opfers Christi, mit dem der ganzen Menschheit die Gnade des allmächtigen Gottes angeboten wird, weil es immer und überall im priesterlichen Dienst an den Altären unblutig wiederholt werden kann.
Darum müssen die beiden mitgekreuzigten Verbrecher erkennbar sein, Dismas zur Rechten Christi, dem die Einsicht in seine Schuld die Verheißung des Paradieses eintrug, und Gesmas zur Linken Christi, der Christus nur zu beschimpfen vermochte. Darum muss Maria Magdalena in Haartracht und Kleidung als aufgeputzte Hure deutlich werden, die nun das Bekenntnis ihrer Sünde unter dem Kreuz ihres Erlösers kniend ablegt. Unter diesem Kreuz müssen Schädel und Knochen des ersten Menschen Adam zu erkennen sein, als Hinweis darauf, dass Christus als zweiter Adam durch sein Opfer die Erbsünde der Menschheit überwunden hat. Darum versammeln sich unter dem linken Arm Christi die „Feinde“ seines Evangeliums, auf schönen Pferden, der Hohepriester mit dem Turban des türkischen Sultan, der römische Hauptmann in der Prunkrüstung des Reichsfürsten. Er hebt beschwörend die Rechte und bekennt ahnungsvoll: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen.
Schließlich gehört er dazu, der unübersehbar als Soldat neben dem Kreuz unter dem rechten Arm Christi steht und hinaufblickt, in der bloßen linken Hand die Holzstange mit dem Essigschwamm, den er Christus zur Linderung seiner Qual gereicht hat. Stephaton nennt ihn die mittelalterliche Legende und meldet, dass er durch diesen letzten Dienst für Christus gewonnen, zum Glauben an seinen sühnenden Tod gekommen sei. Diese notwendigen Gestalten im Fronbild des späten Mittelalters werden durch das „Volk“ eingerahmt, die Vielfalt seiner Personen, die nach Funktion und Haltung unterschieden die bürgerliche Gesellschaft in den Städten repräsentieren.
Dazu gehören der Knappe und der Büttel links unten ebenso wie der Vater mit dem neugierigen Söhnchen im Huckepack neben Stephaton wie die diskutierenden Männerpaare zwischen den Kreuzen, der gebannt auf Christus schauende Kamelreiter rechts außen und das schnüffelnde Hündchen rechts unten. Wie alle Gestalten des Fronbildes ist auch diese Hundeseele Sinnbild, hier des Niederträchtigen, der Bosheit, die in den Menschen steckt und Christus ans Kreuz bringt. In den hellen Mittagshimmel ragen ebenso vielfältig, wie es die Menschen sind, ihre Waffen. Mit Fahnen geschmückt sind sie doch nichts weiter als Symbole ihrer Selbstrechtfertigung, mit der sie die göttliche Erlösungstat abwehren und überflüssig machen wollen. So braut sich hinter den Kreuzen der göttliche Zorn über die Finsternis der menschlichen Herzen zusammen, und nur noch vom Altar her fällt Licht auf die Bühne der Weltgeschichte, nur von dort, wo Brot und Wein als Leib und Blut Christi empfangen werden und Gnade vor Recht ergeht.
Auf dem Zentralbild ist links neben der Gruppe der trauernden Frauen ein alter bärtiger Mann erkennbar, der einen etwas dicklichen Knaben an seiner rechten Hand hält und ihn mit seiner linken auf den gekreuzigten Christus so hinweist, dass dieser mit seinem rechten Händchen die Geste des Alten nachahmt.
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