6. Die Schlosskirche


Die Schlosskirche, von der keinerlei baulichen Reste mehr sichtbar sind, war hinsichtlich ihrer Baugeschichte und ihrer Gestalt eine Besonderheit. Ursprünglich wurde sie 1291 als Minoritenklosterkirche St. Maria in der Leinstraße gegründet. Im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts neu erbaut, musste die Kirche und das anschließende Kloster 1533 im Zuge der Reformation aufgegeben werden.

Nachdem die Herzöge zu Calenberg-Göttingen Hannover 1636 zu ihrer Hauptstadt wählten, bauten sie die Klostergebäude zu ihrer Residenz aus. Die ehemalige Barfüßerklosterkirche wurde mit der Weihe am 10. Juli 1642 Ev.-luth. Hof- und Schlosskirche. Seitdem diente sie der Personalgemeinde der Mitglieder des Hofes und der Regierung als Gottesdienstraum. Zum ersten Prediger wurde Justus Gesenius, Schöpfer eines Gesangbuches und eines Katechismus, berufen.

Unter dem katholischen Herzog Johann Friedrich war die Kirche von 1666 bis 1680 in katholischem Besitz. Zur Beisetzung von Gliedern des Her­zoghauses erhielt sie unterhalb des Chores eine Gruft. Der jetzt in der Kreuzkirche stehende Cranach-Altar gelangte 1675 von Einbeck hierher und wurde in den katholischen Altaraufbau ein­gefügt.

Nach einem Brand 1706 erstmals umgebaut, bekam der Innenraum der Kreuzkirche 1723 durch den Einbau von Emporen das typische Gesicht eines lutherischen Predigtraumes, wie er noch bei vielen Kirchen im hannoverschen Umland erhalten ist. Durch die französische Besatzung hatte der Bau stark gelitten. Mit der notwendigen Wiederherstellung wurde der Hofbaumeister Georg Ludwig Frie­drich Laves (1788–1864) im Jahre 1826 beauftragt. Der Umbau im »gotischen Style« zog sich bis Pfingsten 1839 hin.

Nach der Umgestaltung hatte das Schiff einen fast quadratischen Grundriss, da der kurze Chor der mittelalterlichen Kirche noch zugunsten einer neu einzurichtenden Wachstube verkürzt wer­den musste. Das Wölbsystem des aus dem 15. Jahrhundert stammenden Bauwerkes blieb unan­getastet. Laves überzog alle Pfeiler und Kapitelle mit Stukkaturen in neugotischem Stil. Der Wöl­bung wurde ein reich gegliedertes Netzgewölbe aufgeformt, alle Flächen der Wände und Empo­ren mit rhythmischen Spitzbogensystemen aufgelöst. Alle Emporen standen nach englischem Muster auf fächerförmig ausgebildeten Stützen.

Der von Laves in Norddeutschland nach engli­schem Vorbild erstmals geprägte Spitzbogenstil war von großer Genialität und besonders im ehemaligen Königreich Hannover verbreitet. Conrad Wilhelm Hase, der in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts als eigentlicher Schrittmacher der Neugotik gilt, hat diesen Spitzbogenstil weiter differenziert und dem von Laves gestalteten seine Einfachheit genommen.

Schloss und Kirche wurden im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt. Nicht durchführbare Sicherungsmaßnahmen führten zum Einsturz der Gewölbe. Dadurch waren weitere Gottesdienste in der Schlosskirche unmöglich. Im Zuge des Wiederaufbaues des Schlosses zum Niedersächsi­schen Landtag schied eine Wiederherstellung der Kirche aus. Deshalb zog die Schlosskirchen­gemeinde, erweitert um Angehörige der niedersächsischen Ministerialbehörden, in die Kreuzkirche um, die seitdem Schloss- und Stadtkirche St. Crucis heißt.


Mehr zur katholischen Zeit der Schlosskirche:
http://www.kreuzkirche-hannover.de/geschichte/literatur.html.