1. Die Flügel


Foto (Ausschnitt): Ulrich Ahrensmeier
Das Retabel mit seinen fünf Malwerken lässt erkennen, dass es das Ergebnis einer Werkstattarbeit ist. Mindestens drei Malerhände sind auch heute noch nach Übermalungen im 19. und Restaurierungen im 20. Jahrhundert zu erkennen.

Am deutlichsten fällt das bei einem Vergleich von Farben und Malweise zwischen dem Zentralbild und den Gemälden der Flügelinnenseiten auf. Das Zentralbild zeigt die leuchtenden Farbtöne, wie sie auch andere Werke des älteren Lucas Cranach aufweisen.

Dagegen zeigen die Bilder des Alexander und der Felicitas eine kühlere Palette, die Grautöne bevorzugt. Das lässt sich gut erkennen, wenn man den steinigen Erdboden auf den drei Gemälden in seiner Farbgebung vergleicht. Der Eindruck verstärkt sich beim Vergleich der mantelartigen Umhänge der hl. Felicitas und der Maria Salome auf dem Zentralbild (links neben dem Kreuz Christi). Hier wird auch in der Behandlung der Gewandfalten die unterschiedliche Malweise deutlich. Sie tritt ebenso in der Gestaltung des dunklen Gewölks am Himmel hervor.

Man kann heute davon ausgehen, dass das Zentralbild vom älteren Lucas konzipiert und in seinen entscheidenden Partien auch selbst realisiert wurde. Das schließt ein, dass ihm dabei Gehilfen zur Hand gegangen sind, die vom Meister begonnene Partien zu Ende geführt haben. Das gilt etwa für die Gruppe der Kriegsknechte im Vordergrund links, für das Kreuz des linken Schächers und die Anordnung der vielen menschlichen Gestalten im Hintergrund.

Die beiden Heiligenbilder links und rechts sind aber Werke einer Malerhand. Dass es sich dabei um einen jüngeren Maler handelt, könnte daraus abgeleitet werden, dass Farbgebung und Gestaltung deutlich einen Manierismus zeigen, der damals als neue Mode aus Italien in die Malerwerkstätten nördlich der Alpen importiert wurde.

Dazu passen die auf beide Tafeln gemalten Steinbögen in den oberen Ecken, die elegante Gespreiztheit der Gestalten, die besonders beim Alexander ins Auge fällt, und ihr emotionsloser Gesichtsausdruck. Hier wird posiert und nicht gepredigt. Wenn Meister Lucas diese ihm nicht entsprechende Malweise zugelassen hat, muss es sich um ein besonderes Mitglied seiner Werkstatt gehandelt haben. Die Vermutung liegt nahe, dass es sein ältester Sohn und designierter Nachfolger Hans war, welcher sich hier in der neuen Malweise übte, bevor er nach Italien aufbrach, um sie genauer zu studieren, und der dann in Bologna an der Malaria sterben musste.

Die Martyrienbilder auf den Flügelaußenseiten sind sicherlich ebenfalls vom Meister Lucas konzipiert, dann aber im wesentlichen von Mitarbeitern ausgeführt. Sie zeigen das übliche Kolorit der Werkstatt. Manches in der Malweise (Gesichter, Landschaft, Körperformen) deutet dabei auf eine dritte Malerhand hin, die den gesicherten Gemälden des jüngeren Lucas Cranach aus dieser Zeit ähnlich ist.

Es wäre schon reizvoll, sich die große Cranach-Werkstatt in der kursächsischen Residenzstadt Wittenberg während der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts vorzustellen. Es wird die größte dieser Art im damaligen Deutschland gewesen sein. Dass hier die freie Luft humanistischer Weltsicht wehte, in der man einerseits der reformierten Bewegung Bewunderung und Unterstützung zuwenden, andererseits aber auch Aufträge des Erzbischofs von Mainz und Magdeburg ausführen konnte, sollte nicht verwundern.

Das HI. Blut-Retabel des Einbecker Alexanderstifts ist ein typisches Produkt dieser Werkstatt, ihres Geistes und ihrer Zeit, kein Hauptwerk, eher ein Auftrag nebenher, doch gerade deshalb heute ein einzigartiges Dokument der Kulturgeschichte.