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von Ernst Rohde Man könnte meinen, Abt Uhlhorn, einst in fast drei Jahrzehnten Führer der hannoverschen Landeskirche, weit bekannt als Verfasser bedeutender wissenschaftlicher Werke, gehöre nicht hinein in die Erinnerungen an stadthannoversche Prediger und Seelsorger. Aber die Reihe wäre doch nicht vollständig, wenn sein Name darin fehlte. Denn Uhlhorn war nicht nur Kirchenführer und Gelehrter, er war mit ganzer Seele Prediger, und seine Kanzel stand in der Stadt Hannover. Seit er 1854 als Hilfsprediger an die Schlosskirche berufen wurde, hat eine ganze Generation hannoverscher Männer und Frauen unter seiner Kanzel gesessen. Und seine gedruckten Predigten haben ungezählte Pastoren in Stadt und Land Hannover aufs stärkste angeregt. Grund genug, um auch den heute Lebenden ins Gedächtnis zu rufen, wer Gerhard Uhlhorn war und was er insbesondere für das kirchliche Leben in unserer Stadt bedeutet hat. Uhlhorn war, wie Senior Bödeker, ein Osnabrücker Kind, geboren daselbst am 17. Februar 1826 als Sohn eines Handwerkmeisters. Und wie Bödeker begann auch Uhlhorn seinen Weg als Repetent der theologischen Fakultät in Göttingen. Als er dann im Jahre 1852 als Privatdozent die erste Stufe der akademischen Laufbahn betrat, schien es, als sollte er mit der Universität für immer verbunden beleiben. Aber man war inzwischen auch in Hannover aufmerksam geworden auf den jungen, ungewöhnlich begabten Dozenten, der durch seine Predigten in der Universitätskirche auch außerhalb der akademischen Kreise bekannt geworden war. 1854 erging an ihn der Ruf an die Schlosskirche in Hannover, zugleich mit dem Auftrag, als Konsistorialassessor in der Behörde mitzuarbeiten. Nur ungern hat Uhlhorn Göttingen verlassen. Begabung und Neigung hatten ihn zur Universität geführt, und seine Anfangserfolge waren wohl dazu angetan, ihn dort zu halten. Aber er sah in dem Ruf nach Hannover einen höheren Willen und war bereit, sich der Führung, die über seinem Leben waltete, unterzuordnen. Es ist ihm nicht leicht geworden, sich in Hannover einzuleben, und es wurde ihm auch nicht leicht gemacht. Aus den Briefen an seine Braut erfahren wir mancherlei von den Enttäuschungen, die er erlebte. Er hatte sich besonders auf die Predigtarbeit gefreut und musste nun erleben, dass ihm nur jeder fünfte Sonntag zugebilligt wurde; die anderer und außerdem alle Festtage blieben den beiden ersten Hofpredigern Leopold und Niemann vorbehalten, wir auch die meisten Amtshandlungen. Auch die Arbeit im Konsistorium befriedigte ihn nicht. „Heute war ich“, schreibt er am 10. Januar 1855, „in der ersten Konsistorialsitzung, von 9 bis 3½ Uhr. Hrrrr, welche Langeweile! Immer auf demselben Stuhl sitzen, Dinge anhören, die ich kaum halb verstand und von denen auch kaum ein Zehntel irgend an das Geistliche streifte. Das wird noch Geduld kosten, bis ich mich eingewöhne. Lieber den ganzen Tag arbeiten, recht ordentlich, als so halb, als so eine Sitzung.“ – Als seine Bitten um vermehrte Predigttätigkeit ohne Erfolg bleiben, schreibt er kurz entschlossen an den Minister. „Was mich bestimmte, die mir lieb gewordene Stellung aufzugeben, war die Aussicht, dass sich mir hier ein weiteres Feld der Tätigkeit öffnen würde. In dieser Hoffnung sehe ich mich gründlich getäuscht, sehe mich in eine Wirksamkeit gedrängt, die gegenüber meiner Göttinger Wirksamkeit wie ein Nichtstun erscheinen muss.“ Das Schreiben wurde dem König vorgelegt, und dieser bestimmte, dass Uhlhorn von nun an jede dritte Predigt erhalte. Gerade um jene Zeit hatte die theologische Fakultät den Antrag gestellt, ihm eine Professur an der Göttingen Universität zu übertragen. Aber der König will ihn nicht fortlassen, und der Antrag wird abgelehnt. Eine schmerzlich Entscheidung für Uhlhorn. „Da ist nun“, schreibt er an die Braut, „das liebste, beste, was ich mir immer ausgemalt, die Stellung, der meine heißen Wünsche zuliefen, - und weil ich ein Vierteljahr zu früh davon genommen bin, ist die Tür verschlossen.“ Einen Blick in sein Innerstes lassen die nachfolgenden Worte des Briefes tun: „Es ist ein Leid, das der Herr schickt, das muss ertragen sein. Ich bin still und ergeben; Gott wird helfen, dass ich’s bleibe.“ Sehr bald schon sollte sich der Wirkungskreis, der ihm so gering und unbedeutend erscheinen musste, erweitern. König Georg hatte die Begabung seines jüngsten Hofpredigers schon bei seiner Antrittspredigt erkannt; er wusste wohl, warum er ihn nicht nach Göttingen lasse wollte. Als Konsistorialrat Niemann sein Amt als Schlossprediger 1857 niederlegte, um sich ganz der Verwaltung zu widmen, rückte Uhlhorn in seine Stelle ein und trat dadurch auch in nähere Verbindung mit der königlichen Familie. Der König vertraute ihm die geistliche Führung des Kronprinzen an, der 1862 von Uhlhorn konfirmiert wurde, ebenso wie zwei Jahre später die Prinzessinnen Mary und Friederike. Von besonderer Bedeutung für Hannover und die Landeskirche wurde seine Stellung zur Königin Marie, die ihm schon früh ihre Gunst zuwandte und oft seinen Rat und seine Meinung in kirchlichen Fragen erbat. Ihr Andenken lebt noch heute in der niedersächsischen Bevölkerung fort als das einer vorbildlich treuen, frommen Gattin und Mutter. Ihrem Herzen entsprang der Gedanke der Gründung eines Diakonissenhauses. Als sie von ihrer Großmutter, der Herzogin Henriette von Württemberg, ein größeres Kapital erbte, bestimmte sie das Geld zur Gründung eines Mutterhauses, das bisher in Hannover noch fehlte. Sie weihte sogleich Uhlhorn in ihre Absichten ein, und dieser ging mit Freuden an die Arbeit, um den Plan zur Ausführung zu bringen. So entstand im Jahre 1860 das Henriettenstift, dem Uhlhorn in den schwierigen Anfangsjahren seine besondere Liebe und seine Arbeitskraft zugewandt hat. Ihm diente er jahrelang als Seelsorger, hielt Unterricht und Bibelstunden, entfaltete eine unermüdliche Werbetätigkeit für die Sache der weiblichen Diakonie und gab dem Stift schließlich in dem von ihm berufenen Pastor Büttner den Mann, unter dessen Leitung das Henriettenstift zu der Segensstätte wurde, die in über hundert Jahren Hunderte von Töchtern unseres Landes zum Dienst barmherziger Liebe an Kranken und Leidenden herangebildet hat. Als Uhlhorn in die zweite Hofpredigerstelle einrückte, wuchs der Kreis seiner Zuhörer rasch. „Mein hiesiges Leben“, schreibt er, „fängt an, sich durch das neue Amt neu zu gestalten, und ich darf mit Dank gegen Gott anerkennen, dass ich mich täglich wohler im Pfarramt fühle.“ Über seine Predigtweise urteilt ein Hörer aus jener Zeit: „Es war etwas durchaus Neues mit dem kleinen, schlichten Manne in die Schlosskirche gekommen. Solch klare, allgemein verständliche Verkündigung hatte man noch nie gehört; es fehlte die auf der Hofkanzel sonst übliche Eleganz der Rede; und doch war nichts Plattes in seiner Redeweise. Die vollendete Einfachheit der Darstellung war gepaart mit edler Erbaulichkeit. Wer einmal unter seiner Kanzel saß, den ließ er nicht los; was Text und Zeit, was die Lage und der Weltlauf zu sagen hatte, das brachte er der immer zahlreicher sich sammelnden Gemeinde ans Herz.“ Auch der Arbeitskreis in der Behörde weitete sich. Ihm wurde die Bearbeitung der Fragen übertragen, welche die geistliche Versorgung in den rasch wachsenden Stadtgebieten vor den Toren Hannovers behandelten. Hier wurde seine Tätigkeit in die Richtung geleitet, in deren Verfolg unter seiner sicheren und weitschauenden Führung später so Großes erreicht wurde. Der Anfang wurde gemacht mit der Christusgemeinde. Dass sie schon früh ihr eigenes schönes Gotteshaus erhielt, ist dem Entschlusse Georgs V. zu verdanken, persönlich die Mittel zum Bau bereitzustellen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass bei den nahen Beziehungen Uhlhorns zur königlichen Familie seine Vorstellungen über die Dringlichkeit der kirchlichen Versorgung der Vorstadt beim König diesen Entschluss zur Reife gebracht haben. Uhlhorns Bedeutung für die Geschichte unserer Landeskirche, sein Einfluss auf die Gestaltung ihrer synodalen Einrichtungen, auf ihr gottesdienstliches Leben in Liturgie, Predigt und Gemeindegesang kann hier nur kurz berührt werden. Wer im kirchlichen Leben ein Amt bekleidet, sei es in der Verwaltung oder in der Gemeinde oder in der Inneren Mission, stö0t überall auf die Spuren seines weit verzweigten Wirkens. Auch seine Schriften und Vorträge sind noch nicht veraltet. Aus einer Reihe von Vorträgen in den siebziger Jahren entstand „der Kampf des Christentums mit dem Heidentum“, wohl das bekannteste und meistgelesene seiner Bücher, meisterhaft geschrieben und fesselnd von der ersten bis zur letzten Seite. Die dreibändige „Geschichte der christlichen Liebestätigkeit“ ist grundlegend für alle weitere Arbeit auf diesem Gebiet. An Anerkennung und Ehrungen aller Art hat es nicht gefehlt. Schon mit 31 Jahren erhielt er von der Universität Göttingen die theologische Doktorwürde, und die juristische Fakultät würdigte später seine Verdienste auf dem Gebiet der Verwaltung durch die Ernennung zur Dr. juris ehrenhalber. Als der Abt Rupstein 1876 gestorben war, wählte der Konvent des Klosters Loccum ihn zum Abt und damit zum geistlichen Oberhaupt der Landeskirche. Verehrung und Liebe erfuhr der Dreiundsiebzigjährige am Tages seines fünfzigjährigen Amtsjubiläums im April 1899. Abordnungen und Vertreter aus allen Kreisen des Hannoverlandes hatten sich dazu im Loccumer Hof eingefunden. Aus den zahlreichen Glückwunschadressen seien hier nur einige Sätze aus dem Schreiben des Magistrats der Stadt Hannover mitgeteilt, die Stadtsyndikus Eyl verlas: „Es drängt uns vor allem die Erkenntnis Ihrer großen Verdienste auf kirchlichem und wissenschaftlichem Gebiet zur Bezeugung aufrichtiger Dankbarkeit und warmer Anerkennung. Wir gedenken der vielseitigen Tätigkeit auf dem Gebiet der Geschichte unserer engeren Heimat, für welche Sie stets noch Zeit und Muße finden konnten.“ Die anerkennenden Worte werden den Jubilar umso mehr erfreut haben, als die Hannoveraner ihm nicht zu allen Zeiten wohlgesinnt waren. 1862, im Katechismussturm, hatten sie ihm die Fenster eingeworfen und ihn auf der Straße tätlich angegriffen, weil sie meinten, durch Uhlhorns Haltung in ihrer Glaubensfreiheit bedroht zu sein. Nun, das lag weit zurück, und Uhlhorn hat es seinen irregeleiteten Mitbürgern nicht nachgetragen. Bei dem Festmahl, das am Jubiläumstage ihm zu Ehren in Kastens Hotel stattfand, erwiderter der Abt auf eine der Tischreden, die seine Tätigkeit in Hannover hervorhob, dass er seinerzeit zwar nicht gern nach Hannover gegangen, sondern lieber in Göttingen geblieben wäre. Er sei aber doch für diese Führung dankbar und habe stets gern in Hannover gewirkt. Er schloss mit dem Wunsche, dass Hannover immer eine kirchliche Stadt bleiben und noch viele neue Kirchen erhalten möge. Abt Uhlhorn starb, zwei Jahre nach seinem Jubiläum, am Abend des dritten Adventssonntages 1901 im 75. Lebensjahre. Wenige Stunden vor seinem Tode hatte er noch, seiner Hausordnung gemäß, mit den Seinen die Abendandacht gehalten. Wenige Stunden später setzte ein Herzschlag seinem Leben ein Ziel. Quelle: E. Rohde, Prediger und Seelsorger. Lebensbilder hannoverscher Pastoren, Band 2, Hannover 1962, 12–16
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